Michael Court
1. Preis European Fashion Award – FASH 2010
der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie
„Die Kraft der Stille“Elektronische Geräte fesseln uns, die Vernetzung macht
abhängig. Ständig sind wir Strahlungen und Informationen,
Lärm und Missklang ausgesetzt. Virtuell leben wir viele Leben,
real haben wir nur eins. Strenge Riten der Ruhe –
ob Teezeremonie, Schwertkunst oder, wie hier, Kalligraphie,
helfen den Geist zu lenken. Körper und Seele finden Form und Kraft
– sie wachsen; auch über sich hinaus. Die innere Stille
entfaltet sich – dann und wann, und auch mal mit einem Knall.
Die Konzept-Kollektion „Die Kraft der Stille“ schafft
einen Raum der reinen, inneren Ruhe. Geborgen und frei von jeglichen
Zwängen. Alle Kleider sind für Männer und Frauen. Alle
Teile lassen sich beliebig kombinieren. Sie sind rein und frei von
jeder Ablenkung. Schwarz und weiß.
JurybegründungOb Kleider, Illustrationen oder Blindzeichnungen: die poetische Arbeit
von Michael Court verzaubert auf den ersten Blick. Obwohl Michael Court
die Arbeit im 4.
Semester realisierte, erkennt man bereits eine sehr
eigenständige Persönlichkeit. Michael Court gibt auf das
Thema „Privacy“ des European Fashion Award FASH 2010 eine
ganz eigene Antwort; er traut seiner subjektiven Sicht auf die Welt,
kann sie gesellschaftlich begründen und einordnen. Er entwickelt
ein klares Konzept, das durch eine hochwertige und ästhetische
Umsetzung überzeugt: Seien es die phantastischen Prints, das Spiel
mit dem Volumen oder die perfekten Schnitte – die für Frauen
und Männer gleichermaßen funktionieren. Wer die
fließenden Kleider anzieht, versteht das Thema
„Privacy“ unmittelbar. Die riesigen Volumen sind so fein
herausgearbeitet, dass man sofort einen
Raum der Ruhe um sich spürt. Michael Courts Entwürfe haben
Tiefe, sowohl was das Wissen über die zitierte japanische
Kultur angeht, als auch was den Mut zu einem sehr persönlichen
Thema anbelangt. Michael Court möchte die Mode erneuern ohne
zu verkleiden – und den Träger mitbestimmen lassen. Die
Qualität in allen Bereichen – Wahrnehmung, Konzept, Entwurf,
Handwerk, Illustration, Sprache – ist absolut herausragend.
Michael Court schafft was heute selten ist: ernsthafte Mode, die
selbstverständlich wirkt. Ein größeres Lob können
wir nicht aussprechen.
Mitglied der Jury Ivonne Fehn, Fashion Director Süddeutsche Zeitung Magazin, MünchenAusbildung4. Semester, Hochschule für Künste Bremen
Prof. Kai Lehmann
Birgit Brockbals
2. Preis – European Fashion Award – FASH 2010
der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie
„innen = außen“Gestaltung beginnt mit Wahrnehmung. Wahrnehmung beginnt bei Birgit
Brockbals mit Fragen: Hast du heute Zeit für mich? Wo sind all die
Arbeitsplätze hin? Ist Freizeit alles? Wann geht dein Zug? Warum
sind die Menschen so unzufrieden? Kann ich dem Leistungsdruck
standhalten? Geht es Opa wieder gut? Die Kollektion „innen =
außen“ durchbricht die Grenze zwischen Intimität und
Öffentlichkeit, zwischen dem, was wir sind und dem, was wir von
uns preisgeben. Durch Deformation der Silhouette wird ein neuer Zugang
zum Gegenüber geschaffen: wandelbar und vielseitig, zerbrechlich
und stark, zuversichtlich und Neuem zugänglich.
Die asymmetrischen Silhouetten wurden an Puppen modelliert. Kontraste
wie plastisch und kristallin, weich und stabil, Stoffe wie Wollvelour,
Baumwollsatin oder Wolljersey prägen das Bild der Kollektion und
geben der Trägerin ein Gefühl der Sicherheit. So kann sie
Chancen zulassen: Innen ist das neue Außen.
JurybegründungDie sehr persönlichen Fragen im Konzept von Birgit Brockbals
machen deutlich, dass sie sich in der Tiefe mit gesellschaftlichen
Themen auseinander gesetzt hat. Diese starke Herangehensweise ist eine
wichtige Qualität; sie hilft Birgit Brockbals zu vermitteln was
ihre Themen sind. Das visuell sehr starke Showteil der Kollektion gibt
mit den wie Puffer wirkenden Kissen eine erste, sehr eingängige,
Antwort auf das Thema „Privacy“ des European Fashion Award
FASH 2010. Doch Birgit Brockbals bleibt nicht beim Effekt stehen. Sie
überzeugt durch das stringente Spiel mit Volumen, Körper und
Silhouetten sowie eine große gestalterische Sensibilität.
Ihre Kollektion wahrt gut die Balance zwischen spektakulärem
Showteil und Tragbarkeit. Die Schnitte funktionieren, bei allem
Experiment, am Körper. Die Shirts und Leggins, die als Layer unter
den Kleidern getragen werden können, ermöglichen der
Trägerin zudem die Kleider nach ihrem
Wünschen zu gestalten. Die Foto-Dokumentation des aufwendigen
handwerklichen Prozess zeigt sehr gut, wie Birgit Brockbals an die
Arbeit herangeht und sich die Entwürfe Stück für
Stück erarbeitet. Diese handwerkliche Kompetenz ist heute selten.
Ihre Farb- und Materialwahl ist gut. Diese persönliche und
professionelle Qualität in der Ausarbeitung zeigt sich in allen
Teilen der Präsentation.
Mitglied der Jury Joachim Schirrmacher, Büro für strategische Kommunikation, Hamburg
Ausbildung Bachelor, Akademie Mode & Design , Hamburg
Dozentin: Susanne Müller-Elsner
André Amorim
3. Preis – European Fashion Award – FASH 2010
der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie
„Hello, Grandma!“Die kulturelle Kompetenz, mittels Kleidung eine eigene Sprache zu
sprechen, definiert heute Status in der Gesellschaft. Jeder unter 30
Jahren versucht, individueller auszusehen als der andere – eine
Explosion der Perspektiven. Alle sind Teil der Fashion-Community
geworden. Privatheit hat für viele keine Priorität.
„Die Allgegenwart der Mode und die Uniformität in all der
Individualität haben zum Ausschluss allem Modischen in meiner
Arbeit geführt. Stattdessen schaute ich in den Kleiderschrank
meiner Großmutter. Dort fand ich Karos, grobe Stoffe, plissierte
Röcke, viele Schürzen und schwarze Fransen-Tücher. Diese
konservativen Elemente habe ich mit der elitären
Realität für die Frauenkollektion ‚Hello,
Grandma!’ kombiniert. Die Kleider erzählen Geschichten, so
wie das faltige Gesicht meiner Großmutter am Fenster.“
JurybegründungDie Arbeit von André Amorim „Hello, Grandma!“ ist
gewagt, frisch und spannend. Gerade weil er sich – als einzige
Arbeit des European Fashion Awards FASH 2010 unter dem Thema
„Privacy“ mit der Generationsfrage beschäftigt. Wie
André Amorim die ganz persönliche Geschichte seiner
Großmutter als Inspirationsquelle nutzt, berührt.
André Amorim kommt so zu fortschrittlichen, modischen
Lösungen, die in ihren Details, Proportionen und Schnitten neu und
jung wirken. Die komplizierten Schnitte überzeugen am Körper
und auf dem Laufsteg. Das Schneiderhandwerk ist herausragend, die
Accessoires wie das Schultertuch bringen die Outfits auf den Punkt.
Mitglied der Jury Marcel Herrig, Unicut Design Office, Shenzen/China
Ausbildung8. Semester, Escola Superior de Artes Aplicadas de Castelo Branco, Portugal
Dozent: Brigida Ribeiros
Marieke-Sophie Schmidt
3. Preis – European Fashion Award – FASH 2010
der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie
„Mimikry“In der Öffentlichkeit gilt es, den Schein und das Gesicht zu
wahren. Wir akzeptieren daher Konformität und unterwerfen uns
Konventionen. Dresscodes – ob seriös im Anzug, chic im
Abendkleid oder leger in Jeans – fördern die Anpassung.
Dresscodes schützen aber auch die Privatsphäre wie ein
Panzer. Die Frauenkollektion „Mimikry“ zeigt daher eine
Außen- und eine Innenseite. Die Geschäftskleidung bietet
Schutz und Sicherheit.
Die Materialien sind stark, fest und starr. Schwarz steht für
Macht, Seriosität und Anonymität. Integrierte Schutzpanzer
beinhalten je ein weiteres, privates Kleidungsstück. Man kann es
jederzeit entfalten. Mit der weiten und weichen Kleidung fühlt man
sich frei, individuell und ungezwungen. Blau steht für Sehnsucht
und Freiheit, pink für unsere schrille und exzessive Seite. Was
wirklich privat ist, tragen wir im Kopf und nicht am Körper.
JurybegründungMarieke-Sophie Schmidt greift ein Klischee auf, das sich wie ein roter Faden durch alle
eingereichten Konzepte zum Thema „Privacy“ des European
Fashion Award FASH 2010 zieht: die starke Differenzierung zwischen
Privat und Öffentlich, die zunehmend als bedrohlich empfunden
wird. Marieke-Sophie Schmidt hat eine Arbeit geschaffen, die durch ihre
Stringenz überzeugt.
Details, wie der Gürtel, der zum einen als Panzer fungiert und
zugleich die private Kleidung enthält, überzeugen. Diese
Panzer erinnern an Schutzbekleidung für Motorradfahrer und
Arbeiten von Vivienne Westwood zugleich. Marieke-Sophie Schmidts junge
Ästhetik ist relevant, zeitgemäß,
selbstverständlich und hat Witz.
Mitglied der Jury Johan Buskqvist, Head of Design Adidas Originals, Herzogenaurach
Ausbildung5. Semester, Hochschule für Künste Bremen
Prof. Kai Lehmann
Selena Regenfelder
Anerkennung – European Fashion Award – FASH 2010
der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie
„Born to Blaze“Wir sind frei, aber fragil. Die Digitalisierung unseres Alltags
eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Zugleich erleben wir
durch Globalisierung und Multitasking, Egomanie und Moralerosion
Anpassungsstress. Der Allmacht folgt die Ohnmacht. Das Bedürfnis
nach Geborgenheit, Schutz und Sicherheit, nach klaren Werten,
wächst. Die Prioritäten verschieben sich von Quantität
zu Qualität, von Materie zu immateriellen Werten.
Die Frauenkollektion „Born to Blaze“ will die
Persönlichkeit der Trägerin zum Leuchten bringen. Licht, als
Zeichen für die Energie und Kraft, die in uns steckt. Die Kleider
sollen Sicherheit und Kraft vermitteln und das Selbstvertrauen
stärken. Sie helfen, zu dem zu stehen, was in uns steckt. Bewusst
wurden keine technische Lösung, sondern nachleuchtende
Materialien gewählt. Der Strick wurde selbst entwickelt und
gefertigt, teils ist er doppelschichtig und gewalkt.
JurybegründungSelena Regenfelder hat sich in ihrer Arbeit für den European
Fashion Award FASH 2010 unter dem Thema „Privacy“ auf ein
starkes und einfaches Konzept konzentriert: Nachleuchtende Materialien
bringen die Persönlichkeit der Trägerin zum Strahlen. Die
Stärke liegt in dieser Reduktion. Die handwerkliche Umsetzung des
doppelgelegten Stricks überzeugt. Selena Regenfelder geht
über das Kreieren eines Looks hinaus, indem sie mit ihrer
Kollektion „Born to blaze“ die Gesellschaft aufruft sich zu
ändern. Das würde die Grundlage schaffen, über eine neue
Form der Mode nachzudenken.
Tobias Gröber, Vorsitzender der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie, MünchenAusbildungBachelor, Kunstuniversität Linz / Schloß Hetzendorf Wien, Österreich
Dozentin: Yella Hassel
Ausgezeichnete Arbeiten und Jurybegründungen