22. August 2010
Die Mode zu Besuch bei Merkel
Wie sich die Einheit auf die Mode ausgewirkt hat, diskutierten am Tag
der offenen Tür der Bundesregierung auf der Bühne im
Kanzlerpark Modemacher und -experten. Mit dabei: Michael Court und
seine Siegerkollektion des European Fashion Awards FASH 2010 sowie
Joachim Schirrmacher, Leiter und Vorsitzender des Beirats der
Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie.
© Stefan Maria Rother
„20 Jahre Deutsche
Einheit“ lautet das Motto des 12. Tags der offenen Tür der Bundesregierung. Das
Bundeskanzleramt würdigte den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung am 3. Oktober
durch den Talk „20 Jahre – 20 Köpfe“. Über 30.000 Menschen folgten der Einladung zum
„Staatsbesuch“. Wie sich die Einheit auf die Mode ausgewirkt hat, diskutierten
Sonntag, den am 22. August 2010, Modemacher und -experten auf der Bühne im Kanzlerpark. Was macht
Deutschland in der Welt der Mode so besonders? Wie hat sich Berlin in den
letzten Jahren zum Modestandort entwickelt? Was bringt die Zukunft? Mit dabei: Joachim Schirrmacher.
Herr Court, Sie haben uns zwei Kleider Ihrer ausgezeichneten
Kollektion mitgebracht. Was sehen wir? Michael Court: Die Arbeit entstand für den European Fashion
Award der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie. Dort habe ich dieses
Jahr den 1. Platz gemacht. Übersetzt habe ich das Thema des Wettbewerbs „Privacy“,
Privatsphäre, in große Volumen. Inspirieren ließ ich mich von der japanischen
Kultur. Ich habe versucht, die Geschlechterrollen etwas aufzubrechen, einige
Outfits, wie dies schwarze, sind von Männern und Frauen zu tragen. So sehe ich
Kleidung als Medium, das nicht etwas vorgibt, sondern dem Menschen Raum und
Inspiration für seine eigenen Interpretationen und seine innere Motivation,
seine Tranquilität gibt.
Wir wollen ein Blick zurückwerfen. Frau Rasche, können Sie
uns als Historikerin mit wenigen Stichworten eine Idee geben, warum die
Entwicklung der Mode in Deutschland ganz anders verlief als in anderen Ländern,
zum Beispiel in Frankreich? Adelheid Rasche: Die Modekultur ist deshalb französisch
geprägt, weil sie dort von Beginn an Kultur war. In Deutschland war die Mode
immer schon sehr viel stärker mit der Wirtschaft verknüpft. Die Modewirtschaft
seit dem 19. Jahrhundert hat Berlin reich gemacht und dies hielt an bis Mitte
des 20. Jahrhunderts. Die Zäsur 1933 gilt leider auch für diesen Bereich. Fast die
gesamte Konfektion ging unter. In den sechziger Jahren gab es dann mit dem
Mauerbau eine zweite Zäsur. Sie sehen also, dass mit der Mode sehr historische
Daten verbunden sind.
Erst jetzt lernen wir wieder, dass Mode auch sehr viel mit
Kultur zu tun hat. Das ist für uns als staatliche Einrichtung, die Modekultur
und ihre Geschichte vermittelt, natürlich wichtig. Wenn ich mit Leuten in
Frankreich spreche, ist immer klar, dass die Mode zur Kultur gehört. In
Deutschland muss man das noch immer mal wieder betonen.
Wie kann man in wenigen Sätzen beschreiben, was die Mode im
Osten vor der Wende ausmachte?Elke Giese: Die Mode in Ostdeutschland – und ich habe dort
gelebt und im Modeinstitut der DDR gearbeitet – ist vor allem
eine Geschichte
des Mangels gewesen, der Dinge die es nicht gegeben hat. Im Moment ist
in
Erfurt die Ausstellung „Chic aus Bonn und Ostberlin,
Zwei Welten
– zwei Moden?“ zu sehen, die Kleiderschränke Ost und
West
vergleicht. Wenn mein ehemaliger Kleiderschrank zu sehen wäre,
dann hätten vor allem
Kleider aus den Geschenkpaketen meiner Tante aus dem Westen drinnen
gehangen.
Natürlich gab es eine Tradition, orientierte man sich am
Bauhaus – auch in der Ausbildung. Aber die Realität sah doch so aus, dass eine
große Textilindustrie, als Übernahme der Verhältnisse vor dem Krieg, schon
damals als Lohnfertigung für viele Versandhäuser in Westeuropa wie z.B. Quelle
arbeitete. Für uns in der DDR ist fast nichts übrig geblieben.
Das heißt, Designer die außergewöhnliche Entwürfe umsetzen
wollten, mussten auf Tricks und Kniffe zurückgreifen? Elke Giese: Sie nahmen Substitute, billiges Material. Sie
waren Kunsthandwerker und konnten nur für einen ganz kleinen privaten Kreis
etwas fertigen. Es fehlte die Industrie, die ihre Entwürfe umgesetzt hat. Wer
ein bisschen Erinnerungsvermögen hat, weiß wie lange er durch Läden gelaufen
ist, um etwas ansprechendes zu bekommen. Die DDR hat ja in den siebziger,
achtziger Jahren viele Anstrengungen unternommen, nur um eine ordentliche Jeans
zu kopieren. Nicht einmal das ist ihr, trotz eines großen Kombinats in Rostock,
gelungen. Eigentlich hätte man schon an diesem Scheitern das Scheitern des
ganzen Staates erkennen können.
Wie veränderte sich die Mode durch den Fall der Mauer und
dann die Wiedervereinigung? Joachim Schirrmacher:
Der entscheidende Punkt ist, dass wir in den zwei Jahrzehnten seit der
Wiedervereinigung eine neue deutsche Identität gefunden haben. Es gibt eine
Parallele in der deutschen Geschichte: 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet
und wenig später blühte die Mode in Deutschland auf, denken wir an die goldenen
zwanziger Jahre in Berlin.
Denken Sie zurück, wie bieder dieses Land in den 1970er
Jahren war. Überlegen Sie, wie bescheiden das Angebot beim
Lebensmitteldiscounter war und welche Eßgewohnheiten wir heute haben. Die
Siegermächte, Gastarbeiter und unsere Reiselust haben unsere Kultur enorm
verändert. In den 1990er Jahren kam mit der Technokultur etwas Einzigartiges
auf, wo die Welt auf Berlin geguckt hat. 2003 kam ein Magazin „Deutsch“ heraus,
ein Titel der lange undenkbar war. Deren Motto: „Deutsch als Synonym für
Weltoffenheit, Pluralismus und Toleranz“ – Begriffe die man lange nicht mit
diesem Land verbunden hat.
Mit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin 1999 gab es
erstmals ein gesellschaftliches Zentrum in Deutschland, angeblich mit über
1.000 Veranstaltungen täglich, wo sich Mode entfalten konnte.
In Berlin ist heute das Bild einer neuen Zeit sichtbar und
spürbar, wie in keiner anderen westlichen Metropole. Wir haben über 40
qualifizierte Modeschulen, so viel wie in nur wenigen anderen Ländern.
In fast allen internationalen Modehäusern arbeiten Deutsche
in Führungspositionen. Wenn Michael Court sich gut bei Vivienne Westwood in
London schlägt, ist er vielleicht bald schon für die Männermode verantwortlich,
so wie es lange Jahre Martina Glomb für die Damenmode war. Dies sind Zeichen,
wie stark wir sind. Zugespitzt: die Zukunft der Mode findet in Berlin als
Schaufenster Deutschlands statt.
Frau Giese, Sie haben in einer Studie dieses neue
Bekleidungsverhalten in verschiedenen deutschen Städten sowie London
analysiert. Was kam denn dabei heraus? Elke Giese: Die Fotos der 5.000 Passanten von 20 bis 35
Jahren zeigen erstaunlicherweise, dass es kaum Unterschiede gibt zwischen
London, Berlin, Bielefeld oder Köln. Wir wollten wissen, inwiefern
gesellschaftliche Veränderungen wie neue Paarbeziehungen oder neue
Arbeitswelten auch in der Mode erkennbar sind. Mode ist ja eine nonverbale
Sprache: ich erzähle immer etwas von mir, nicht kommunizieren geht nicht. Klar
ist: Alte Codes, das was man mal als elegant, formell oder Status gemäß
empfunden hat, gelten nicht mehr. Auch vorgefertigte Schablonen, wie ein
Hosenanzug, reichen nicht mehr aus. Gefragt ist das „Personal Design“ – ich
zeige mit meiner Art mich zu kleiden, dass ich Ideen habe – sei es auf dem
Arbeit- oder auf dem Partnermarkt. Gerade in Berlin erkennt man diesen
kreativen Faktor sehr stark.
Überraschend ist auch die hohe Modekompetenz bei den jungen
Männern zwischen 20 bis 35 Jahren. Es ist ganz erstaunlich wie sie mit Farben
und Accessoires umgehen können. Seit Jogi Löw trägt jeder junge Mann einen
Schal. Eine sehr erfreuliche Entwicklung!
Sie haben gerade den kreativen Faktor der Berliner Mode
erwähnt. Clara Leskovar, Doreen Schulz vom Label c.neoon, Sie arbeiten in
Berlin. Was haben Sie uns für Kleider mitgebracht? Clara Leskovar: Die Entwürfe sind ein Teil der
Sommerkollektion, die 2011 auf den Markt kommt. Wir haben sie gerade im Juli
auf der Berlin Fashion Week erstmals präsentiert. Inspiriert hat uns die
Künstlerin Hanna Höch, die viel mit Collagen gearbeitet hat, mit Farben und der
Fläche frei umgegangen ist. So haben wir für den handgestickten Umhang Teile
des Flächendesigns auseinander geschnitten und wieder ganz frei
zusammengestellt. Generell versuchen wir in unseren Entwürfen, die Schnitte auf
die Stoffe und die Stoffe auf die Schnitte abzustimmen, so dass sie sich
gegenseitig steigern.
Also ein recht aufwändiges Verfahren. Welche Materialien
haben Sie verwendet? Clara Leskovar: In dieser Kollektion haben wir viel
Baumwollstrick verwendet, den wir im Thüringischen Apolda fertigen lassen. So
wie wir alles in Deutschland produzieren lassen. Einzelne Elemente sind aus
Seide und Seidenlamé hergestellt. Alles wurde mit der Hand plissiert oder mit
der Hand bestickt.
Weswegen haben Sie sich entschieden in Berlin zu arbeiten
und nicht beispielsweise in London? Doreen Schulz: Nach unserem Studium an der Kunsthochschule
in Berlin Weißensee war es naheliegend in der Stadt zu bleiben. Von Berlin kann
man gut arbeiten, weil Berliner Mode in der Welt einen super Ruf hat. Auch ist
Berlin genau der Ort, wo wir mit anderen Künstlern und Designern
zusammenarbeiten können. Um das Label nach außen zu tragen, präsentieren wir es
z.B. in Ausstellungen in London, Paris oder Tokio.
Wie sieht es in Berlin mit den Produktionsbedingungen aus? Clara Leskovar: Berlin hat hier ja eine große Tradition und
nicht nur Berlin, sondern viele Standorte im ehemaligen West – und
Ostdeutschland.
Nach der Wende sind einige Produktionsstätten
zusammengebrochen. Daraufhin mussten sich die Produktionsfirmen auf kleinere
Firmen einstellen, was für den Standort Berlin mit seinen vielen kleineren
Labels sehr wichtig ist.
Frau Rasche, wie stellt es sich aus Ihrer Sicht dar? Gibt es
verstärkt wieder Produktionsstätten in Deutschland oder muss ich als Designer
doch nach Asien gehen, um dort kostengünstig zu produzieren? Adelheid Rasche: Wir sollten zunächst unterscheiden, ob wir
über sehr hochwertige, fast coutureähnliche Kollektionen sprechen, wie wir sie
von Michael Court und c.neeon gerade gesehen haben, oder über Massenproduktion.
Die hochwertigen Kollektionen brauchen aus verschiedenen Gründen die Nähe zu
den Produktionsorten. In der preiswerten Kategorie muss man dagegen zumindest
außerhalb Westeuropas, wenn nicht schon außerhalb Osteuropas produzieren. Da
geht es den deutschen Firmen nicht anders als italienischen, französischen oder
anderen Unternehmen.
Aber man sollte nicht vergessen: Mode war immer
international, Inspiration und Materialien kamen immer aus vielen Ländern. Der
Hof in St. Petersburg ließ sich die Kleider in Paris machen, man holte sich
Spitze aus den Zentren in Belgien, die Seidenstoffe kamen aus Frankreich, die
Tuche aus Italien. Die Pariser
Couture arbeitet bis heute mit Stickerei aus St. Gallen. Mode ist eine
internationale Sprache, die nationale Wurzeln und Märkte braucht.
Wie sieht es denn mit dem nationalen Markt für Ihre Mode
„Made in Germany“ aus? Doreen Schulz: Unsere Hauptmärkte sind Japan und die USA. Es
ist schwierig für uns in Deutschland kleine Conceptstores zu finden, die unsere
Kleider anbieten. Daher verkaufen wir unsere Mode auch über einen Online-Store.
Joachim Schirrmacher:
Was wir eben gesehen haben ist, Frau Rasche sagte es, Couture oder Mode als
Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Wir sprechen hier weniger über Massenmode
oder Kleidung. Viele deutsche Bekleidungshersteller sind zwar bekannt, aber
kaum für ihre Modeaussage. Doch genau diese Aussage suchen heute die ästhetisch
geschulten Kunden als Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Das zeigt die Studie von
Elke Giese ja eindrücklich. Selbst die Kleider von Michael Court, die ja
Konzeptstudien sind und ausloten was möglich ist, finden eine sehr große
Resonanz. Was fehlt, ist der Link zwischen den Designern über die Industrie und
dem Einzelhandel zu den Kunden.
Das würde bedeuten, der Einzelhandel traut sich nicht diese
Mode ins Sortiment aufzunehmen. Joachim Schirrmacher:
Ja, die deutsche Sehnsucht nach Sicherheit. Doch ein Aufstieg eines Modelands
ohne starken Einzelhandel ist nicht vorstellbar. Das sieht man deutlich in
Antwerpen.
Michael Court, Sie machen zurzeit ein Praktikum bei Vivienne
Westwood in London. Wie sieht es denn da aus? Michael Court: Natürlich ist London ein Metropole. Doch die
Situation in London ist nicht vergleichbar mit Deutschland. In England
konzentriert sich fast alles in London. Wir haben in Deutschland hingegen viele
Städte, wo Mode gemacht und getragen wird. Wenn wir alles in einer Stadt
konzentrieren würden, hätten wir genau die gleiche Situation.
In den letzten Jahren hat sich in Berlin viel getan, unter
anderem durch die großen Modemessen. Welche Bedeutung hat eine Messe wie die
Bread & Butter?
Elke Giese: Wir dürfen nicht vergessen: Mode ist ein
Konsumgut, Mode braucht Industrie, Mode braucht einen Markt und daher sind die
Messen sehr viel wichtiger als alles, was sie in der Zeitung über Boris Becker
in der ersten Reihe bei den Schauen am Bebelplatz lesen. Die Messen, ob Premium
oder Bread & Butter, ziehen das internationale Publikum an – aus
kommerziellem Interesse an Mode. Wir haben mit Karl-Heinz Müller, dem
Veranstalter der Bread & Butter, einen Menschen in der Stadt, der das ganz
toll machen. So toll, dass es keine vergleichbare Messe an einem anderen
Standort in der Welt gibt. Mode als Ausdruck des Zeitgeistes geht immer dahin,
wo der Zeitgeist stattfindet. Und das tut er in Berlin. Das schafft
Arbeitsplätze, das tut uns richtig gut.
Für Berlin ist Mode also auch ein wichtiger wirtschaftlicher
Faktor geworden? Adelheid Rasche: Die Mode ist ganz sicher ein
wirtschaftlicher Faktor geworden. Ich spüre ein unglaubliches Interesse von
Menschen, die nach Berlin kommen, seien es Touristen, seien es Leute, die
zuziehen. Sie alle sind neugierig und wollen sich mit dem kreativen Potenzial
der Stadt auseinandersetzen. Das ist sicher nicht nur die Mode, das sind auch
die Galerien, die jungen Künstler an den Hochschulen. Hier in Berlin finden sie
die interessante Mode der hier niedergelassenen Designer, die sonst kaum in den
großen Läden angeboten wird.
Ich mache seit zwanzig Jahren Modeausstellungen in Berlin
und wir merken, dass wir in den letzten Jahren ein sehr internationales
Publikum haben. Immer wieder wollen sie wissen: Wie ist es mit der jungen Mode
in Berlin? Wo finde ich sie? Wie oft wird man gefragt: Haben Sie Berliner
Kleidung an? Vor zwanzig Jahren hätte uns das niemand gefragt!
Hat Berlin, hat Deutschland als Modestandort international
mittlerweile einen guten Ruf? Elke Giese: Auf jeden Fall. In dem Sinne wie es Frau Rasche
gesagt hat. Man würde sich natürlich ein bisschen mehr industrielle Fertigung
und größere Manufakturen wünschen. Aber das wird entstehen. Ich bin ganz
sicher!
Welche Zukunft, welche Perspektiven sehen Sie für die Mode
in Deutschland? Joachim Schirrmacher:
Es wurde deutlich: Die Massenprodukte kommen aus der Türkei, Portugal oder Asien. Unsere Zukunft liegt in der
Mode mit einer starken kulturellen Prägung. Wenn Sie sich näher mit der Arbeit
von c.neeon oder Michael Court beschäftigen, entdecken Sie einen starken
interdisziplinären Ansatz mit Fotografen, Grafikern, Musikern oder Tänzern. Es
geht um ein Gesamtkonzept, um nicht Gesamtkunstwerk zu sagen. Das Können ist
da. Wir brauchen aber mehr Selbstbewusstsein, gerade die deutschen Medien, die
extrem anzeigenabhängig berichten. Wir brauchen eine stärkere und
systematischere Nachwuchsförderung. Versuchen Sie mal beim
Bundesbildungsministerium einen Ansprechpartner zu finden, der für die
Modeausbildung verantwortlich ist. Wir brauchen ein Kompetenzzentrum. Es gibt
in Deutschland keine übergreifende Öffentlichkeitsarbeit für Mode! Ich sprach
den fehlenden Link zwischen Labels und Läden an. Wenn wir uns konzentrieren
statt zu zersplittern, dann wird die vorhandene Kompetenz sichtbar und
Deutschland eine sehr kraftvolle Stimme in der Welt der Mode.
Elke Giese: Ich bin sehr optimistisch, weil wir
selbstbewusster werden. Weil wir merken, dass es in Paris oder London nichts
Vergleichbares gibt. Ich bin auch optimistisch was die Männermode betrifft. In
dem Moment wo die Autos kleiner werden, müssen sie etwas für ihre Attraktivität
tun. Das erotische Kapital wird wichtiger: wie ich aussehe und was ich über
meine Kleidung über mich erzähle. Und das tut natürlich der Mode und ihren
Machern in Deutschland gut.
Michael Court: Wir haben momentan einen sehr starken Umbruch
in der Männermode. Der Mann erfindet sich gerade neu. Das sieht man sehr stark
– gerade in Deutschland. Daraus wird sich Neues ergeben. Ich glaube, dass nicht
nur Berlin, sondern Deutschland mit seinen vielen unterschiedlichen Städten und
ihren Möglichkeiten sehr stark aufblühen wird.
Adelheid Rasche: Meine Wünsche und Hoffnungen sind
zweierlei: Einmal wünsche ich mir mehr mündige Konsumenten, die gucken, was
kann ich aus Avantgardekollektionen in den Alltag einbauen. Es muss nicht ein
kompletter Umbruch werden. Zweitens wünsche ich mir eine stärkere Verknüpfung
von Wirtschaft und Modekultur. Derzeit wird man als Kulturinstitution immer
mehr der arme Bruder und die Wirtschaft galoppiert davon, macht ihre 6.000
Personen Gala-Dinners und denkt gar nicht, dass es noch eine andere Seite dessen
gibt, was sie produzieren.
Sie nicken zustimmend. Mündige Konsumenten, die wünschen Sie
sich vermutlich auch. Clara Leskovar: Das Stichwort Selbstbewusstsein ist ganz
wichtig beim Endkonsumenten. Da hat sich eine Menge getan. Früher, stärker als
heute, hat man sich für seine Kleidung entschuldigt. Wenn jemand einen teuren
Armani-Anzug trägt und ihn jemand anspricht: „Du hast einen tollen Anzug an“,
dann sagt er fast immer automatisch, „den habe ich im Ausverkauf gekauft, der
war ganz billig“. Das würde einem niemals in Frankreich, Belgien oder London
passieren. Dies versuchen viele Deutsche jetzt zu überwinden. Man entschuldigt
sich auch nicht für seine Autos oder seine Einrichtung, sondern sagt: „Das ist
die Wohnung in der ich mich wohlfühle“.
Herzlichen Dank für diese sehr interessante und wunderbare
Gesprächsrunde! Die Teilnehmer Michael Court,
Student der Hochschule der Künste Bremen und
Preisträger des European Fashion Award FASH 2010 der Stiftung der Deutschen
Bekleidungsindustrie.
Elke Giese, Ressortleiterin Mode am Deutschen Modeinstitut,
zuvor tätig am Modeinstitut der DDR. Regelmäßig besucht Sie die Messen und
Schauen in Berlin, Mailand und Paris.
Clara Leskovar (Textildesign) und
Doreen Schulz (Modedesign)
vom Berliner Label „c.neeon“. Beide feiern mit ihrem 2004 gegründeten Label
„c.neeon“ weltweite Erfolge. Sie lehren als Gastprofessoren an „ihrer“
Hochschule Berlin-Weißensee.
Adelheid Rasche, Leiterin der Sammlung Modebild –
Lipperheidschen Kostümbibliothek (Staatliche Museen zu Berlin), die größte
Modebibliothek der Welt.
Joachim Schirrmacher, Joachim Schirrmacher, Autor und Berater in den Kultur- und
Wirtschaftsfelder Mode und Design sowie Leiter und Vorsitzender des
Beirats der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie.
Moderation: Sabine Loeprick, RBB